Spielfilm / Österreich 2017
87 Min. / DCP 1:2,35 / Farbe / Dolby Digital
Originalsprachen: Französisch, Deutsch, Englisch, Romanes, Serbisch, Dari, Somalisch, Japanisch, Italienisch, Kurdisch
Untertitel: Deutsch


INHALT

Von der Sehnsucht getragen Distanzen zu überwinden, kommen die Telefonierenden in die Kabinen eines skurrilen Wiener Call Shops.

Wie eine Nabelschnur verbindet sie das Telefonkabel mit einer geliebten Person, der Familie, dem Zuhause in der Ferne.

Die Stimme wird zur gegenseitigen Projektionsfläche, versteht man sich aber wirklich?

Ciao Chérie begibt sich auf eine Weltreise im Ton während im Bild ein internationaler Kosmos in einem einzigem Raum aufgeht.


Text zum Film

Wenn die Leitungen summen

Freizeichen. Die junge Frau hat den Telefonhörer am Ohr und wartet. Besetztton. Freizeichen. Erst beim zweiten Versuch erreicht sie den gewünschten Teilnehmer, aber nicht die gewünschte Reaktion. Ende des Gesprächs. „Zwei-vierzig“, heißt es an der Kassa.

Die konzentrierte Szene führt in wenigen Nahaufnahmen unmittelbar in den Mikrokosmos von Ciao Chérie. So heißt Nina Kusturicas dritte abendfüllende Regiearbeit – die Regisseurin hat den Film auch geschrieben, montiert und produziert. Schauplatz ist ein Call Shop: Einer jener kommerziellen Kommunikationsumschlagplätze, die früher von Postämtern angebotene Dienste übernommen haben und trotz Mobiltelefonie noch zum Stadtbild gehören. Larisa führt das kleine Geschäft im Wiener Stadtteil Ottakring gezwungenermaßen weiter, seit sich ihr Mann nach Belgrad abgesetzt hat. Ganz beiläufig kommt dort die Welt zusammen. Wir hören viele Sprachen und werden in unterschiedliche Leben eingelassen: Da ist gleich zu Beginn die schüchterne Ange, die eine Ausbildung macht und vergeblich hofft, am Telefon ihr Heimweh nach Togo zu lindern. Mimi hingegen hat eine heimliche, leidenschaftliche Affäre mit einem Mann in Italien, sie kommt hier her, um ihn anzurufen oder ihre beste Freundin in Japan um Rat zu fragen. Ein afghanischer Teenager führt ebenfalls ein Doppelleben – während sein Bruder ihn drinnen am Apparat nötigt, der Verlobung mit einer Landsfrau zuzustimmen, albert seine Wiener Freundin ahnungslos vor der Kabine herum. Manchmal kommen die Kund_innen miteinander ins Gespräch: „Sind Sie der Mann, der nicht weiß, wer er ist?“ – „Ich kann mich an nichts erinnern, aber ich weiß, wer ich bin.“

Ciao Chérie ist ein Kammerspiel. Die wenigen Außenmotive, die den Ablauf strukturieren, zeigen die Geschäftsfront und die unmittelbare Umgebung, den Straßenzug mit Straßenbahn, ein gegenwärtiges, alltägliches, kulturell vielfältiges Wien. Der Film bewegt sich und uns aus diesen „gefundenen“ dokumentarischen Szenen immer wieder hinein in die „erfundenen“, narrativen Episoden im Shop. Diese basieren ihrerseits auf Recherchen und werden von einem Ensemble aus Schauspieler_innen und Laiendarsteller_innen stimmig verkörpert. Die Beschränkung auf den Innenraum wirkt nicht einengend, vielmehr funktioniert sie als Verdichtung, genau wie die Kameraarbeit (Michael Schindegger): Aus dem Inneren des Geschäfts und seinen zart reflektierenden, teils beweglichen Glasflächen – die Fronten der Kabinen, die Türen, die Auslage und andere Vitrinen – werden sorgfältig komponierte, vielschichtige Bilder gebaut, die aufs Off verweisen. Das ist eine schöne Entsprechung zur ambivalenten Erfahrung des Telefonierens. Es verbindet räumlich weit voneinander getrennte Sprecher_innen akustisch miteinander. Es bringt sie einander vorübergehend näher – und zugleich hält es das Bewusstsein um physische und andere Entfernung präsent.

Als drittes Element kommt zu den vielstimmigen Erzählungen die Musik hinzu, die zum einen auf Arrangements von Stücken des Duos Alexander und Konstantin Wladigeroff beruht. Schon die ersten Bilder werden von einem melancholischen Flügelhornthema sanft grundiert. Zum anderen singen sich im Lauf des Films die Telefonierenden am Faden eines Liedchens zurück nach Hause. Die Stimmen filmisch von den Körpern losgelöst, wird der Call Shop dann eine leere Bühne, auf der sich Sehnsucht, Fantasie und Erinnerung noch einmal anders ausdrücken können als am Telefon. Die scheue Ange singt, „ich lieb’ dich schon so lang, ich werd dich nie vergessen.“ Die scheue Ange beginnt zu flirten.

Isabella Reicher


Cast

Mimi

Nahoko Fort-Nishigami wurde in Japan geboren. Sie absolvierte ein Gesangstudium in Wien, sowie ein Schauspielstudium in Paris. Als Solistin spielt sie zahlreiche Vorstellungen in großen Musicalhäuser in Japan und Europa. Weiters tritt sie im Volkstheater Wien in mehreren Stücken auf und verkörpert die Buhlschaft im Bayerische Jedermann in Garmisch-Partenkirchen. Nahoko Fort-Nishigami wirkt bei zahlreichen Kino- und Fernsehproduktion mit, darunter Hauptrollen in Tatort, Trautmann, Der Chinese, Winwin, Oktoberfest, Der Rote Punkt u.a.

Ange

Sikavi Agbogbe wurde in Togo geboren und lebt in Wien. Die Rolle von Ange ist ihre erste Spielfilmrolle. Wenn sie nicht gerade vor der Kamera steht, studiert sie Kommunikationswissenschaften, Englisch und Deutsch an der Universität Wien.

Larisa

Simonida Selimović wurde in Serbien geboren und lebt seit ihrer Kindheit in Wien. Als Jugendliche beginnt sie als Schauspielerin zu arbeiten, u.a. in der Kinderserie Operation Dunarea, später im Kinospielfilm Ciao Chérie von Nina Kusturica. Weiters spielt sie Theater am Schauspielhaus Essen, sowie dem Berliner Maxim Gorki Theater in der Produktion Roma Armee von Yael Ronen. Sie arbeitet öfters mit der Regisseurin Tina Leisch und ihrer Schwester Sandra Selimović zusammen. Die zwei Schwestern engagieren sich gemeinsam im Roma-Theaterverein Romano Svato als feministische Aktivistinnen und Rapperinnnen gegen Rassismus und für Gleichberechtigung. Simonida Selimović spricht Deutsch, Romanes, Serbisch und Englisch.

Amari

Ayo Aloba ist Schauspieler und Musiker mit nigerianischen Wurzeln und lebt in Wien. Im Alter von 19 Jahren zieht er nach Großbritannien und studiert Performing Arts am Rose Bruford College. Nach seinem Abschluss ist er z.B. in The Extraordinary Equiano (BBC Televison), Happy Family (London Film Academy) oder Pentecost (St Leonard’s, Shoreditch/London), sowie in zahlreichen anderen Film-, Musical- und Theaterproduktionen in ganz Großbritannien zu sehen. Weiters leitet Ayo Aloba Theater- und Schlagzeug-Workshops in Schulen und anderen Institutionen.

Dioma

Dioma Mar Dramè wuchs in Senegal und Spanien auf und lebt heute in Wien. Sie hat in Ciao Chérie das erste Mal vor der Kamera gearbeitet. Dioma wurde von unserer Casterin Nora Friedel entdeckt, als sie in einem Wiener Call Shop in mehreren Sprachen gleichzeitig (Spanisch, Deutsch und Senegalesisch) telefonierte.

Ali

Esmat Azimi kommt aus Afghanistan und lebt seit seiner Jugend in Wien. Ein Freund von einem Freund hat ihn zum Casting von Ciao Chérie eingeladen und so ist Ali seine erste Filmrolle geworden.

Lisa

Isabella Campestrini wurde in Wien geboren. Sie spielt seit ihrer Kindheit größere Rollen in verschiedenen Kino-, TV-, Theater- und Hörspiel-Produktionen, z.B. Auswege (Kinospielfilm von Nina Kusturica), Küss mich Prinzessin (Kinospielfilm von Michael Grimm), Geschichten aus dem Wiener Wald (Theater in der Josefstadt), You drive me crazy Hamlet (Dschungel Wien), Das Matratzenlager (Hörspiel von Paulus Hochgatterer). Isabella Campestrini ist zweisprachig mit Deutsch als Muttersprache und Bosnisch-Kroatisch-Serbisch als Zweitsprache. Sie studiert Schauspiel an der Anton-Bruckner-Universität in Linz und spielt leidenschaftlich gerne Klavier.

Mahamad

Mahamad Abdiasis stammt aus Mogadishu, Somalia, und lebt in Wien. Unter dem Namen Alfanan Arwaax Yare ist er als Sänger somalischer Lieder bekannt. Während der Dreharbeiten zu Ciao Cherie lernt das Filmteam Mahamad und seine Brüder auf der Straße kennen. In der Folge spielt Mahamad Abdiasis im Film mit.

Burlesque

Vienna Chaconne ist eine elegante Neo-Burlesque und „Cartoonlesque“ Darstellerin. Ihre künstlerische Art zu performen umfasst klassische burleske Bewegungen und Tanz kombiniert mit theatralischen und lustigen Performances. Jede Handlung basiert auf einer Geschichte, die mit intrinsischen Botschaften oder unerwartetem Happy End endet! Der Künstlername Vienna Chaconne ist 1. eine Hommage an die Stadt, die sie liebt und drückt 2. ihre barocke, harmonische Art aus, sich der Bühne zu nähern: Die Chaconne war eine Art von musikalischer Komposition, die in der Barockzeit populär war.

Boban

Radosav Jovanović wurde in Serbien geboren und wuchs in Wien auf, wo er lebt und arbeitet. Er trat bisher in verschiedenen Dokumentarfilmen und Radiosendungen auf. Die Rolle von Boban ist seine erste Spielfilmrolle. Außerdem hat Radosav Jovanović das Team von Ciao Chérie bei Romanes Übersetzungen, dem Casting und den Musikrecherchen mit seiner weitrechenden Expertise unterstützt.

Zoki

Zoran Šargić

 

MAJA

Laura Selimović

 

ASHA

Asha Abdirahman


Crew

REGIE, BUCH
Nina Kusturica

KAMERA
Michael Schindegger

TON
Andi Pils

CASTING, DRAMATURGISCHE MITARBEIT
Nora Friedel

SCHNITT
Nina Kusturica

ARTWORK, SCHNITTBERATUNG
Marco Antoniazzi

TONGESTALTUNG
Gerhard Daurer, Andreas Pils

MUSIK
The Wladigeroff Brothers
& Božidar Radenković

POSTPRODUKTION
Stefan Fauland

GRADING
Willi Willinger

HD-POSTPRODUKTION
Listo Videofilm

MUSIKAUFNAHMEN
Amann Studios Wien

TONSTUDIO
Tremens Film Tonstudio

MISCHUNG
Bernhard Maisch

PRODUZENTIN
Nina Kusturica

PRODUKTION
Nina Kusturica Projects

Hergestellt mit Unterstützung von

In Zusammenarbeit mit

Nina Kusturica ist Regisseurin, Cutterin, Autorin und Produzentin. Sie studierte Regie und Schnitt an der Filmakademie Wien.

Zahlreiche Filmfestival-Teilnahmen und Auszeichnungen für ihre Filme, u.a. Little Alien (2009), 24 Wirklichkeiten in der Sekunde – Michael Haneke im Film (2004), und Auswege (2003) bei: Mar del Plata, Rotterdam, Berlinale Forum des Jungen Films, Max Ophüls Preis, Duisburger Filmwoche, Premiers Plans Festival d’Angers, Mostra Internacional de Cinema Sao Paulo, Mumbai Film Festival, Cinema Jove Valencia, Leeds Film Festival und vielen anderen.

Neben der eigenen filmischen Arbeit, hält sie Seminare, Workshops und Vorlesungen sowohl in Österreich als auch international an verschiedenen Universitäten und Instituten zu Film, Regie und Schauspiel.

Die Programmierungen der Arbeiten von Nina Kusturica finden weltweit in diversen Kontexten statt. Die Werkschauen ihrer Filme wurden 2012 in Kairo und 2010 in Wien veranstaltet.

Im Rahmen der eigenen Filmproduktion NK Projects produziert sie Kino- und TV-Filme.

In Mostar geboren, wuchs sie in Sarajevo auf. Heute lebt und arbeitet Nina Kusturica in Wien.

Nina Kusturica

FILME (Auswahl)

2017 Ciao Chérie Spielfilm

2009 Little Alien Kino-Dokumentarfilm

2004 24 Wirklichkeiten in der Sekunde – Michael Haneke im Film, TV- Dokumentarfilm (gemeinsam mit Eva Testor)

2003 Auswege Spielfilm (Drehbuch: Barbara Albert)

2001 Der Freiheit Kurzspielfilm

2000 Draga Ljiljana Dokumentarfilm

1999 Wishes Kurzspielfilm

1998 Ich bin der neue Star Dokumentarfilm

 

PREISE (Auswahl)

Little Alien OUTSTANDING ARTIST AWARD – interkultureller Dialog – verliehen vom Bundesministerium für Unterricht und Kultur, ERASMUS EuroMedia Grand Award – verliehen von der Europäischen Gesellschaft für Bildung und Kommunikation, CHRIS-Award ‚Social Issues‘ – Columbus International Film & Video Festival, BEST INTEGRAL REALIZATION – Bruxelles Fiction & Documentary Festival, Bester Schnitt & 2.Platz in der Kategorie Bester Dokumentarfilm – Los Angeles International Film Festival.

Auswege Nominierung zum FIRST STEPS AWARD Berlin, ERSTER PREIS DER JUGENDJURY International Women Film Festival Torino, Special Mention Cast, zweiter Preis der Jury, Bester Film – Int. Studentenfilmfestival Wien.

KAMERA

Michael Schindegger lebt und arbeitet in Wien. Nach einer fotografischen Ausbildung an der Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien und einem einjährigen Aufenthalt in Bukarest, studierte er ab 2003 Kamera bei Christian Berger an der Filmakademie Wien.

Zu Michael Schindeggers Arbeiten als Kameramann zählen: L’Animale (2018, Regie: Katharina Mückstein), Holz Erde Fleisch (2016, Regie: Sigmund Steiner), Talea (2013, Regie: Katharina Mückstein), Rimini (2007, Regie: Peter Jaitz). Sein Regiedebüt, der Dokumentarfilm Dacia Express (2008) gewann den Preis „Der Goldene Buchstabe“ der Duisburger Filmwoche und den Preis für den besten Dokumentarfilm bei film:riss. Seine zweite Regiearbeit, der Dokumentarfilm Nr. 7, startete 2013 in den Kinos.

Michael Schindegger ist der Mitbegründer des Arbeitskollektivs und Filmproduktionsunternehmens La Banda Film.

MUSIK

The Wladigeroff Brothers – Die in Wien lebenden Zwillingsbrüder Alexander und Konstantin Wladigeroff haben für Ciao Chérie Kompositionen ihres aktuellen Albums „The Rag Waltz Time“ neu arrangiert und in  Zusammenarbeit mit Božidar Radenković aufgenommen.

Die Wladigeroff Brüder stammen aus einer berühmten bulgarischen Musikerfamilie und haben in Sofia an der Musikhochschule studiert.

Alexander und Konstantin Wladigeroff sind mit ihrer virtuosen Mischung aus Jazz und Klassik ein geschätztes Duo in der internationalen Jazzszene.

TON, TONGESTALTUNG

Andi Pils arbeitet in verschiedenen Disziplinen, als Tonmeister, Sounddesigner, Musiker, DJ, Bassist oder auch als Schauspieler. Er hat die Primitive Studios in Wien mitbegründet. Seine Filmprojekte: Shops Around The Corner, Soldate Jeanette (ausgezeichnet mit dem Preis für das beste Sounddesign auf der Diagonale 2013) Private Revolutions, Die Geträumten, Das Leben ist keine Generalprobe, Das große Museum u.v.a.

ZUSÄTZLICHER SCHNITT, TONGESTALTUNG

Gerhard Daurer lebt und arbeitet in Wien. Er studierte ‘Multimedia Art’ an der FH-Salzburg und ‘Sonic Arts’ an der Middlesex University London. In seinem Studium spezialisierte er sich auf das Zusammenspiel von Bild und Ton im Bereich der audiovisuellen Performance. Danach arbeitete er ein Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wissenschaftsforschung der Universität Wien (2008/2009).

Seither freischaffender Mediengestalter mit Fokus auf Schnitt, Tongestaltung und Musik.

CASTING, DRAMATURGISCHE MITARBEIT, PRODUKTIONSLEITUNG

Fora Friedel lebt und arbeitet als Künstlerin und Filmemacherin in Wien. Nach einer Ausbildung zur Fotografin schließt sie 2010 ihr Studium der Transmedialen Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien ab. Seit 2007 arbeitet sie an Kinofilmen in den Bereichen Entwicklung, Drehbuch, Casting, Produktion und Filmvermittlung. 2016 realisiert sie ihren ersten narrativen Kurzspielfilm Mimikri, welcher bei der Diagonale 2017 den Thomas Pluch Drehbuch Preis für kurze und mittellange Kinospielfilme gewinnt.

ARTWORK, SCHNITTBERATUNG

Marco Antoniazzi wurde in Bozen geboren, wo er sein Studium an der Zelig-Schule für Fernsehen & Film absolvierte.

In Wien studierte er an der Filmakademie Regie bei Peter Patzak. Marco Antoniazzi arbeitet als Regisseur und Autor. Zu seinen Arbeiten zählen: Schlagerstar (2013, mit Gregor Stadlober; ausgezeichnet mit dem Publikumspreis der Diagonale), Erinnerungen an die Stadt des Kindes (2011), Kleine Fische (2009; ausgezeichnet mit dem Publikumspreis der Diagonale).


Pressestimmen

Der ortlose Ort, wo niemand fremd ist

Ein Callshop im Migrantenbauch von Wien. Menschen aus aller Welt sitzen in den Kabinen und vertelefonieren ihr hart verdientes Geld, um mit anderen Menschen, die ihnen wichtig sind, in Kontakt zu bleiben. Der österreichisch-bosnischen Filmemacherin Nina Kusturica gelingt mit ihrem dritten Langfilm „Ciao Cherie“ ein wunderbar poetisches Stück Kino…

Kusturica erzählt die Geschichten von Menschen aus aller Welt in Form von episodenhaften Telefongesprächen. Alle Telefonate finden in der Originalsprache statt. Die jeweiligen Gesprächspartner am anderen Ende treten nur als akustische Phantome auf, bekommen durch die ausgeklügelten Dialoge – der Großteil des Films basiert auf einem vorbereiteten Skript der Regisseurin – aber für den Zuseher Charakter und imaginative Konturen…

Ein besonderer Kunstgriff wandte die Regisseurin mit der Filmmusik an: Die sich quer durch den Film ziehenden Wiegen- und Kinderlieder aus der jeweiligen Heimat dienen als „innere Stimme“ der Telefonierenden. Die Stücke werden von den Schauspielern selbst intoniert und kommen ohne instrumentale Begleitung aus. Das verleiht den Liedern eine berührende Intimität, die mit den tragikomischen Gesprächsinhalten und der grenzabsurden Callshop-Realität kontrastiert…

Kusturicas „Ciao Cherie“ ist ein humanistisches Lehrstück für all jene, die immer noch in „Wir und die anderen“ – Dimensionen denken.

Tiroler Tageszeitung, April 2017

Hello, Vienna Calling!

Menschen kommen und gehen, nehmen in gläsernen Telefonkabinen Platz, schicken ihren Familien Geld in die Heimat und erzählen ihre Geschichten telefonierend. Sobald sich die gläserne Tür schließt, scheinen die ProtagonistInnen in einer Art Beichtstuhl, an einem Ort der kompletten, nackten Ehrlichkeit. Freudige Gesichter, Tränen, sowie unangenehme Gesprächspausen oder Streits spielen sich in der Telefonkabine ab. Während sie mit ihrem geträumten Gegenüber sprechen sind die ProtagonistInnen isoliert von ihrer Umwelt – in diesem gläsernen Beichtstuhl suchen sie die Verbindung zu ihren Mitmenschen. Doch schon sobald sie die Kabine verlassen, bezahlen und aus der Tür treten wirken sie auf mich noch isolierter, noch ferner von ihren Emotionen und dieser erschaffenen Realität von Japan, Syrien, Nigeria, Italien oder anderen Ländern in der Telefonkabine. Genau dieses erträumte Gegenüber und die Macht der Sprache, und Stille machen den Film für Kusturica auch stilistisch so interessant. Sie sei fasziniert von der Macht der Stimmen, die am Telefon nicht lügen, nichts verstecken können, auch wenn sie es teils versuchen.

Ein bisschen ist für mich der Film, auch mit seiner schlau gewählten Musik, wie eine kurze Weltreise im Traum. Die Bilder, die gezeigt werden sind zwar fast immer nur stille Porträtaufnahmen der telefonierenden Charaktere – trotzdem entreißen sie mich in die Welt, die sie schaffen.

Uncut Movies, April 2017

Ein Call-Shop als Umschlagplatz von Lebensgeschichten

Das Telefon als Intimitätsmaschine und als Entfremdungsapparat. Verbindungen, die man halten wollte, reißen ab. Geflüchtet, gestrandet, gekommen, um zu bleiben oder doch nur um schnell etwas Geld zu überweisen. Worte, die ganze Welten enthalten, ein mitunter skurril-witziger Mikrokosmos erzählter Universen: Ciao Chérie, in Gedanken wird man immer bei sich sein…

Die Kombination von Sprache und Bild (Kamera: Michael Schindegger) macht Räume auf, wo nur Gedanken wären. Räume, die größer sind als die Redezellen, die Beichtstühle, die Festhalteboxen, die Loslassungszimmer, die Intimitätskabinen der Einsam- und der Glückseligkeit. Wo nur gehört werden kann, wird jedes Wort bedeutend. Jeder Atemzug, jede Pause, jede Intonation.

Diagonale Katalog, März 2017


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